corona ischgl

Corona-Herd Ischgl

Internationale Aufregung

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In der internationalen Presse sticht ein Thema in der Coronavirus-Berichterstattung besonders hervor: Die Ansteckungen im österreichischen Ski-Ort Ischgl.

Wien. Zeitungen in mehreren Ländern berichten am Mittwoch über den Tiroler Skiort Ischgl als Ort, wo sich ihre Staatsbürger mit dem Coronavirus angesteckt haben - Ischgl als Ansteckungsherd Europas, ein Auszug:
 
Das "Darmstädter Echo" schreibt unter der Überschrift "Der Skiurlaub als Virus-Verteiler":
 
"Der 'Ballermann der Alpen' - das ist Ischgl in Tirol. Gestern noch das Zentrum für die Feierwütigen unter den Winterurlaubern, ist der 1600-Einwohner-Ort in Österreich heute eines der europäischen Corona-Krisenzentren. Der Grund: Offenbar haben sich Hunderte, vielleicht Tausende von Ski-Touristen dort mit dem neuartigen Coronavirus infiziert und in ihre Heimatländer weitergetragen. Der Vorwurf: In dem Wintersportort im Paznauntal und von der Tiroler Landesregierung wurde dieses Problem zu lange ignoriert, auch weil man sich das Touristengeschäft nicht entgehen lassen wollte.
 
(...) Viele derjenigen, die es noch rechtzeitig rausgeschafft haben, haben offenbar das Coronavirus mit in ihre Heimat gebracht. Gerade aus nordeuropäischen Ländern häufen sich entsprechende Berichte. So lässt sich bei fast jedem zweiten erkrankten Norweger und jedem dritten Dänen die Infektionskette zurückverfolgen bis nach Ischgl. Als Ursprungsort gilt demnach die Aprés-Ski-Bar 'Kitzloch', wo ein deutscher Mitarbeiter offenbar mehrere Gäste angesteckt hat. Und so wurde aus Ischgl nun die "Virus-Drehscheibe" in Europa, so hat der Journalist Lars Wienand (t-online) den Ort genannt.
 
Auch in Deutschland entpuppt sich der Skiurlaub als Katalysator der Coronakrise. Und sehr oft fällt auch hierzulande der Name "Ischgl", wenn nach dem Ursprung gefragt wird. So etwa auch bei dem Mainzer Polizeipräsidenten Reiner Hamm, der sich dort infiziert hat, wie am Dienstag bekannt wurde. Allein in Hamburg gibt es nach Medienberichten 80 Infizierte, die Ischgl besucht hatten.
 
Dabei gab es schon früh konkrete Warnungen: Bereits am 5. März hatte Island das Skigebiet rund um Ischgl zur Risikozone erklärt. Bei einem Flug der Icelandair aus München waren demnach mehrere Covid-19-Fälle bei einer Reisegruppe aus dem Skigebiet aufgetreten. In Ischgl selbst wurde der erste Corona-Fall am 7. März offiziell - ebenjener Mitarbeiter aus dem 'Kitzloch'. Nach Bekanntwerden erklärte die Landessanitätsdirektion Tirol freilich, eine Ansteckung von Gästen in der Bar sei "aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich". Zwei Tage später stellte sich allerdings heraus, dass der Barkeeper 15 Menschen in seinem engsten Umfeld angesteckt hatte. Zwar wurden dann schon die ersten Lokale in Ischgl geschlossen, aber erst am Freitag, 13. März, wurden der Ort und das Paznauntal zur Sperrzone erklärt. Wie viele - infizierte - Touristen bis dahin ungehindert in das restliche Europa ausreisen konnten, ist nicht bekannt.
 
Die letzten Skilifte in Tirol wurden schließlich erst am Abend des 15. März eingestellt."
 
Die "tz München" fragt in ihrem Artikel zu Ischgl "Aus Geldgier zu spät gewarnt?", die "Nürnberger Nachrichten" fragen "Hat die Gier am 'Tiroler Ballermann' gesiegt?". Der "Tagesspiegel" (Berlin) titelt "Chaos und Panik in Ischgl" und schreibt:
 
"Was indes immer deutlicher wird, ist ein Versagen in einem anderen Bundesland. Nirgendwo in Österreich gibt es mehr Corona-Fälle als in Tirol. Hunderte Deutsche, Norweger, Dänen und Isländer scheinen sich in den Tourismus-Hotspots im Skiurlaub unkontrolliert mit dem Coronavirus angesteckt zu haben. Im Mittelpunkt stehen dabei die mittlerweile abgeriegelten Skiorte Ischgl und St. Anton. Auch St. Christoph am Arlberg ist inzwischen betroffen. Während die isländischen Behörden Heimkehrer schon vor über einer Woche unter Quarantäne stellten und das Bundesland zum Risikogebiet erklärten, blieben die Skigebiete in Tirol noch bis zum Wochenende offen.
 
Die Kritik wird immer lauter. Experten wundern sich, warum nicht schon viel früher der Pistenbetrieb eingestellt wurde. Die Abreise der Touristen verlief zudem chaotisch, auf eine zentrale Organisation wurde verzichtet. Viele Personen nächtigten sogar noch in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck, bevor sie heimkehrten. Die Behörden testeten laut ORF keine einzige Person, Beteiligte sprechen von einem unfassbaren Versagen der Tiroler Landesregierung. Die Gäste hätten Panik gehabt, berichten Hoteliers."
 
"Wie kam das Virus in ihr Leben? - 'Coroni 1' war mit ihrem Freund, 'Coroni 2', im Ski-Urlaub in Ischgl. Sie sagt: 'Auf dem Rückweg nach Hamburg haben wir 'Coroni 3' in Leipzig eingesammelt, die zu Besuch kommen wollte. Und daheim warteten 'Coroni 4' und '5'."
 
Die "Neue Zürcher Zeitung" wählt den Untertitel "In Tirol haben sich Hunderte von Touristen aus halb Europa infiziert - mit unabsehbaren Folgen", Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) habe die Skisaison "gegen offenbar erhebliche lokale Widerstände" beendet:
 
"Als 'Ibiza der Alpen' bezeichnet sich der Skiort Ischgl in Tirol, und vielfältig ist das Nachtleben, vor allem das Après-Ski-Angebot. Doch nicht nur die Gäste fühlten sich in den engen Schunkel-Partylokalen wohl, diese boten auch perfekte Bedingungen für die Übertragung des Coronavirus. (...) Laut den nationalen Behörden steckten sich in den Tiroler Skigebieten 491 Norweger, 139 Dänen sowie eine unbekannte Zahl von Österreichern und Deutschen an, ein bedeutender Anteil von ihnen in Ischgl.
 
Tirol steht erheblich unter Druck. (...) In der Kritik steht inzwischen das gesamte Krisenmanagement in Tirol. Die Regierung des Bundeslandes habe nachlässig und zögerlich gehandelt, aus Rücksicht auf die Interessen der wirtschaftlich bedeutenden und politisch hervorragend vernetzten Tourismusbranche. (...) Dennoch ignorierten die Tiroler während fast zweier Wochen die Warnzeichen. Bei der Umsetzung der Massnahmen wirkten die Tiroler Behörden teilweise überfordert. Touristen berichten von Panik und einer chaotischen Abreise am Samstag, als ihnen plötzlich klarwurde, dass sie bald festgesetzt sein könnten. Zudem übernachteten laut Medienberichten mehrere hundert Gäste in Unterkünften in Innsbruck, ohne dass die Gastgeber über die Corona-Gefahr informiert worden waren, was möglicherweise eine weitere Ausbreitung begünstigte.
 
Welch weitreichende Folgen der Infektionsherd Tirol hat, zeigt sich auch auf europäischer Ebene erst langsam. (...) Obwohl die Tiroler nun zwar zu Recht am Pranger stehen, steht keineswegs fest, dass in anderen Ländern keine ähnlichen Fälle auftauchen. Die Skigebiete in der vom Coronavirus noch stärker als Österreich betroffenen Schweiz hielten ihren Betrieb ebenfalls bis an diesem Wochenende offen. Der Party-Skitourismus mag dort weniger ausgeprägt sein als in Ischgl. Aber viele Faktoren, welche die Weitergabe erleichtern, inklusive Enge und grosse Menschenmengen, sind auch hier gegeben."
 

Tirols Oppositionsparteien kritisieren Krisenmanagement

 
Die Vorgangsweise der Tiroler Landesregierung und von Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) hinsichtlich der Eindämmung des Coronavirus hat am Donnerstag auch die Tiroler Oppositionsparteien SPÖ und Liste Fritz auf den Plan gerufen. Sie mahnten eine Aufarbeitung nach dem Ende der Krise ein. Außerdem wurde kritisiert, dass die Opposition im Vorfeld nicht über die Vollquarantäne informiert wurde.
 
"Eine tiefgreifende Analyse und Aufarbeitung nach der Bewältigung der Krise muss folgen", forderte SPÖ-Abgeordnete Selma Yildirim ein. Die Landesregierung habe erst "mit ihren Versäumnissen und dann mit den überfallsartig nachts verhängten weitreichenden Maßnahmen für große Verunsicherung in der Bevölkerung gesorgt", sagte sie.
 
Tirols SPÖ-Chef Georg Dornauer stieß ins gleiche Horn und sprach von einer "katastrophalen Informationspolitik". Nicht zuletzt auch gegenüber den Oppositionsparteien in Tirol. Mittwochabend habe eine Telefonkonferenz mit den Klubobleuten stattgefunden - dabei wurde nicht über die bevorstehenden Maßnahmen informiert.
 
Das bemängelte auch Andrea Haselwanter-Schneider, Klubobfrau der Liste Fritz. "Bei allem Verständnis, dass man bei mehrwöchigem Krisenmanagement an die Grenzen kommt, darf es nicht sein, dass die Opposition erst aus den Medien von verschärften Maßnahmen erfährt", sagte sie. Die Telefonkonferenz habe um 20.10 Uhr geendet - um 22.00 Uhr seien die Maßnahmen verkündet worden.
 
Sie stellte in den Raum, dass die verschärften Quarantäne-Maßnahmen "vom eigentlichen Problem ablenken" sollen. Gerüchten zufolge hätten das Zillertal und Kitzbühel ebenso isoliert werden sollen. "Bevor die nächste Diskussion über unverantwortliches Verhalten in einzelnen Tourismusregionen losbricht, hat Landeshauptmann Platter lieber das ganze Land unter Quarantäne gestellt", meinte die Klubobfrau. "Fehler können passieren - wahre Stärke zeigt sich daran, wie man mit diesen Fehlern umgeht", so Haselwanter-Schneider.
 
Zuvor hatte bereits Gerald Loacker, Gesundheitssprecher der NEOS, das Vorgehen Tirols bezüglich Ischgl kritisiert. Man habe "tagelang zur zugesehen", meinte er. Auch FPÖ-Chef Norbert Hofer sagte, dass man das "ansteckende Apres-Ski-Treiben" weiter geschehen habe lassen. Platter räumte daraufhin ein, dass man im Nachhinein die Abläufe "auf den Prüfstand stellen und klären" müsse, was besser gemacht werden hätte können.
 
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